Bildbasierte Soziale Medien gehören mittlerweile zum Alltag von Jugendlichen und auch die kritische Auseinandersetzung mit dem eigenen Medienverhalten nimmt zu. Bei der Tagung #fancyLIV.ES kamen junge Menschen zusammen, um unter dem Titel „Emotionen auf Instagram und Co.“ ihre Mediennutzung zu hinterfragen und sich zu ihren Erfahrungen austauschen.

Etwa die Hälfte der Menschen in Deutschland nutzt Soziale Medien als Interaktions- und Kommunikationsplattform. Statt Schriftsprache werden vor allem Fotos, Fotostories und Videos zum gegenseitigen Austausch genutzt. Instagram und Snapchat als foto- und videobasierte Social Media Plattformen beispielsweise werden heute von den 14- bis 19Jährigen in Deutschland stärker frequentiert als Facebook. Dadurch verändert sich unsere Kommunikation, wir erinnern uns an Bilder eher als an geschriebene und gehörte Narrative (Picture Superiority Effect) und gleichzeitig werden Fotos im Vergleich zu Texten wesentlich unbewusster und emotionaler verarbeitet.

Auf der interdisziplinären Tagung #fancyLIV.ES, die vom 22.-24. Februar 2019 in Mannheim stattfand, beschäftigten sich 20 interessierte Jugendliche aus ganz Deutschland im Alter von 19-27 Jahren mit Kommunikation in Sozialen Medien und deren emotionale Auswirkungen. In Vorträgen, Workshops und Diskussionsformaten traten sie ein Wochenende lang in regen Austausch mit acht Expert*innen und Influencer*innen. Die Tagung wurde von DENK GLOBAL! veranstaltet, von teamGLOBAL sowie der Gesellschaft für Digitale Transformation unterstützt und gefördert von der Bundeszentrale für politische Bildung.

Der Einführungsvortrag lieferte einen thematischen Input und die erste kontroverse Diskussion.

Kai Wieland, Studierender der Wissenschaft-Medien-Kommunikation am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) und Mitglied der netzstrategen, gab in seinem Vortrag Influencer*innen Culture und ihre jahrhundertealten Kritiker*innen einen Überblick über die Entstehung der Fotografie und ihren Einfluss auf die Gesellschaft, von der camera obscura bis hin zum Post auf Instagram. Der Literatur- und Kulturkritikerin Susan Sonntag folgend stellte er die These auf „Fotos würden einen Anspruch auf Wahrheit erheben, wie ihn Gemälde niemals erheben könnten.“ Mit Beispielen verdeutlichte Wieland die Möglichkeit mit Bildern eine zielgerichtete, emotionalisierende Wirkung zu erzeugen und dekonstruierte damit das Objektivitätsversprechen von Fotografien. Wieland beschrieb die differenzierte Betrachtung von Fotos als zentrale Voraussetzung kritischen Denkens und machte gleichzeitig deutlich, dass die Kritik an unserem heutigen Mediennutzungsverhalten (Stichwort: Swombies) so alt sei wie die Medien selbst.

In thematischen Workshops wurden die Inhalte Kommunikation in Sozialen Medien und deren emotionale Auswirkungen weiter vertieft.

Den Auftakt lieferte Jakob Wolski, Mitbegründer von INFINITY Deutschland e.V. und Freelancer bei Knoweaux Applied Futures, einer strategischen Zeitreiseagentur mit Sitz in Berlin. In seinem Workshop Telling stories for a desirable future vermittelte er die methodischen Grundlagen eines erfolgreichen Storytellings (wie es bspw. auf Instagram stattfinden könnte), mit denen die eigenen Interessen, Erlebnisse, Meinungen und Erfahrungen mit anderen geteilt werden können und letztlich Einfluss erzielt werden kann. Dabei arbeitete er gemeinsam mit den Teilnehmenden in Diskussionen und Rollenspielen heraus, dass – neben Aspekten wie u.a. Erzählstringenz, Authentizität, Identifizierung – vor allem menschliche Werte eine große Rolle spielen, welche mit Emotionen interagieren.

Christin Mendel aka konfetti_wunder gab den Jugendlichen einen professionellen, aber auch persönlichen Einblick in ihren Alltag als erfolgreiche Influencerin und Bloggerin mit 30,7 Tsd. Abonnenten auf Instagram. So vermittelte sie in ihrem Workshop Instagram. Wenn aus Emotionen Bilder werden die Grundlagen ihres erfolgreichen Postings (Aufbau eines Contents, Rolle der Hashtags, Auswahl und Wirkung von Bildern etc.) und stellte sich den interessierten Fragen der Jugendlichen.

Vor dem Hintergrund eigener Erfahrungen wurde weiterhin rege über ein verändertes Kommunikationsverhalten diskutiert, in der sich die Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Privatsphäre immer weiter zu verschieben scheinen. Problematische Aspekte wie eine verbale Radikalisierung in Sozialen Netzwerken sowie die Verbreitung ideologisch-polarisierender Inhalte wurden dabei ebenso thematisiert wie der individuelle Umgang mit makellosen Fotos in bildbasierten sozialen Netzwerken und ihren emotionalen Auswirkungen auf die Rezipient*innen (Identitätsfindung, Selbstdarstellung und -wahrnehmung, Schönheitsideale etc.). Mendel ermunterte die Jugendlichen dazu ihren kritischen Blick zu bewahren und an ihren Zielen festzuhalten, auch wenn diese vielleicht nicht dem idealisierten Lebensstil auf Instagram entsprechen.

Marius Sältzer, Doktorand an der Graduate School of Economic and Social Scienes (GESS) und Mitarbeiter am Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES), beschäftigte sich in seinem Workshop Datenauswertung in den Sozialen Medien – Gefühle messen in Tweets mit Sentiment Analysis mit dem Kurznachrichtendienst Twitter und seiner Nutzung im politischen Mediendiskurs. Er bot den Teilnehmenden einen Einblick in seine Forschung, die es erlaubt, einen Überfluss an ungeordneten Datenmengen in Form politischer Tweets zu analysieren, die wiederum Rückschlüsse auf die Gefühle von Tausenden von Follower*innen erlauben. Nach einer theoretischen Einführung in die automatisierte Analyse von Sprache erarbeiteten die Teilnehmenden mit der Open Source Programmiersprache R ein kleines Programm, mit dem Tweets extrahiert und hinsichtlich ihres emotionalen Gehalts ausgewertet werden konnten. Ein besonderer Fokus lag dabei auf der sogenannten Sentiment Analysis, mit der die Wortwahl von Menschen in Texten quantifiziert wurden. Als ein Ergebnis hielten die Jugendlichen fest, dass Tweets mit Verwendung einer emotional negativen Sprache deutlich häufiger geteilt werden – eine wichtige Erkenntnis im Hinblick auf die Frage, welchen Informationen im Netz welche Aufmerksamkeit zu Teil wird.

Jusra Esmahil, Studentin der Rechtswissenschaft an der Universität Frankfurt und aktive Teamende bei teamGLOBAL, lud die Jugendlichen ein auf eine „Reise nach Instagramien.“ In ihrem Workshop Social Media und Reisen reflektierte sie mit den Jugendlichen das eigene Mediennutzungsverhalten im Urlaub und setze sich kritisch mit der Frage auseinander, inwiefern die eigene Freizeit noch zur Entspannung dient oder zu einem persönlichen Marketing–Muss geworden ist. Neben der allgemeinen Frage, inwiefern das Liken und Kommentieren auf Instagram überhaupt als Kommunikation bezeichnet werden kann, rückte Esmahil die Motivation der Postenden, die emotionalen Auswirkungen auf die Follower*innen sowie den ggf. problematischen Inhalt von Reisefotos (etwa die Reproduktion postkolonialer Strukturen) in den Mittelpunkt der gemeinsamen Arbeit. In einer Gruppenarbeitsphase formulierten die Teilnehmenden konkrete Handlungsempfehlungen, wobei sie für einen achtsameren Umgang mit Social Media Plattformen wie Instagram plädierten.

Den fünften Workshop Emotional Contagion und Erfolgsfaktoren in Social Media gestaltete Jan C. Weyerer, Doktorand im Bereich Informations- und Kommunikationsmanagement sowie Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Deutschen Instituts für eGovernment (DIeGov). Gemeinsam mit Paul F. Langer, Doktorand im Bereich Informationsökonomik und Mitglied der Europäischen Gesellschaft für digitale Transformation (EGDT), stellte er den Teilnehmenden die Theorie des Emotional Contagion vor, wonach nonverbal ausgedrückte Emotionen einer interagierenden Person Einfluss auf die Emotionen anderer ausüben. Den Teilnehmenden wurden wissenschaftlich fundierte Konzepte zum Zusammenhang zwischen Emotionen und sozialer Kommunikation sowie Erfolgsfaktoren von User Engagement in sozialen Medien vermittelt. In einer anschließenden Arbeitsphase bearbeiteten die Jugendlichen mithilfe der zuvor vermittelten Erkenntnisse Case Studies in Form ausgewählter Instagram-Auftritte von Politiker*innen, um konkrete Verbesserungsvorschläge und Handlungsempfehlungen abzuleiten. Dabei diskutierten sie eifrig darüber, inwieweit ein bildbasiertes soziales Netzwerk wie Instagram überhaupt dazu geeignet ist politische Inhalte zu vermitteln und den Meinungsbildungsprozess von Jugendlichen zu unterstützen.

Im Rahmen einer Präsentationsphase und einer abschließenden Diskussion wurden die Workshopergebnisse und thematischen Inhalte des Wochenendes zusammengeführt. Die Moderatorin Juliane Henn, die bereits seit zehn Jahren als Moderatorin für Bürgerbeteiligung und politische Verständigung für den Landtag Baden-Württemberg sowie die Agentur Zebralog tätig ist, griff dabei noch einmal die zentralen Themen auf und brachte die interdisziplinäre Tagung #fancyLIV.ES zu einem runden Abschluss.

„Sicher werde ich in Zukunft Fotos z.B. auf Instagram kritischer betrachten und selbst mit dem Einsatz von Bildern bewusster umgehen“, so das Fazit einer Teilnehmerin.